Expertendialog

Die Veränderungen der Arbeitswelt erfordern neue Ideen, frische Gedanken und einen offenen Dialog. Gerade weil die Zukunft der Arbeit bisher nur schemenhaft erkennbar ist, brauchen wir Impulse, wie diese Zukunft aussehen könnte und wie sie nicht aussehen sollte. Denn die Digitalisierung wirft viele Fragen auf. Bleibt der Sonntag grundsätzlich ein Tag der Erholung, wenn die Arbeit immer und überall erledigt werden kann? Wie lässt sich Solidarität organisieren, wenn immer mehr Beschäftigte im Home-Office arbeiten und die direkte Absprache im Büro nicht mehr funktioniert? Ist die Solo-Selbstständigkeit in Zukunft das Normarbeitsverhältnis, während die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zum Auslaufmodell wird? Welche Führungskräfteentwicklung muss stattfinden, um den Bedürfnissen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gerecht zu werden? Diese Fragen bewegen Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft, Kirchen und Gewerkschaften. Hier kommen sie zu Wort und werfen ihren Blick auf die Veränderungen, die uns alle angehen. Über die Dialogfunktion können Sie den meisten unserer Expertinnen und Experten Fragen stellen.

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Antworten von Prof. Dr. Gerhard Bosch

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  • FRAGE Brigitte Liebe (Arbeitsagentur): Wie können zukünftig ältere Arbeitnehmer (60+) in das Zukunftsmodell einbezogen werden (evtl. weniger Stunden), dass Ihnen keine Rentenpunkte verloren gehen?
    ANTWORT
    Portraitaufnahme Prof. Dr. Gerhard Bosch
    Prof. Dr. Gerhard Bosch: Es ist sicher vernünftig, über neue Modelle des gleitenden Übergangs in den Ruhestand nachzudenken. Die bisherigen Modelle der Altersteilzeit sollten dies ermöglichen. In der Praxis einigten sich aber Betriebe und Beschäftigte fast immer auf das Blockmodell, dass die volle Arbeitszeit für die erste Hälfte der Altersteilzeit und die Freistellung in der zweiten Phase vorsah. Nur in wenigen Unternehmen wurden innovative Arbeitszeitmodelle mit kürzeren Arbeitszeiten, die die Belastungen für Ältere verringerten, praktiziert. Die Subvention von Altersteilzeitmodellen durch die Bundesagentur für Arbeit wurde eingestellt, wie im Übrigen auch viele andere Regelungen zum vorzeitigen Ausstieg aus dem Erwerbsleben abgeschafft wurden. Im Grunde schlagen Sie eine neue Form der Subventionierung des vorzeitigen Teileinstiegs (über kürzere Arbeitszeiten) in den Ruhestand vor. Rentenpunkte für nicht geleistete Arbeitszeit sind auf jeden Fall kostenträchtig. Mit der Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre und die Einschränkungen des vorzeitigen Ausstiegs hat die Politik aufgrund der demographischen Entwicklung klare Signale gesetzt, dass eine Erhöhung der Lebensarbeitszeit notwendig ist. An diesen Prioritäten wird keine der möglichen Regierungskoalitionen rütteln. Ich sehe allerdings die Notwendigkeiten von Rentenverbesserungen im Falle der Erwerbsunfähigkeit, da diese Beschäftigten ja nicht mehr in der Lage sind, einer Beschäftigung nachzugehen. Mit der Flexi-Rente können ab dem 1. Juli 2017 Rentner mit einer vorgezogenen Altersrente 6300 Euro im Jahr (14 × 450 Euro) anrechnungsfrei hinzuverdienen. Allerdings liegt die Grenze für eine vorgezogene Altersrente bei frühestens 63 Jahren. Das von Ihnen gewünschte Modell wird allerdings durch Tarifverträge oder Betriebsvereinbarungen in unterschiedlichen Branchen noch ermöglicht. Der Arbeitsgeber zahlt dabei einen Zuschuss zur Rentenversicherung und – um die Kosten zu kontrollieren – wurden meist Höchstquoten der Inanspruchnahme vereinbart. Daneben gibt es tarifliche oder betriebliche Ansparmodelle. Da kann man beispielsweise einen Teil seines Gehalts ansparen, um einen früheren Teilausstieg zu finanzieren. Die Kosten tragen dabei die Beschäftigten selbst. So etwas können sich Geringverdiener, die häufig an den besonders belastenden Arbeitsplätzen arbeiten, nicht leisten.
  • FRAGE Redaktionsteam Experimentierräume (aus User-Rückfragen): Ist das Problem bei "flexiblen Arbeitszeitverhältnissen" nicht, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer etwas Anderes anstreben? Arbeitgeber befürworten flexible Arbeitszeit nach Auftragslage, Arbeitnehmer die flexible Arbeitszeit nach Lebenssituation. Wie lässt sich das auflösen?
    ANTWORT
    Portraitaufnahme Prof. Dr. Gerhard Bosch
    Prof. Dr. Gerhard Bosch: Es gibt Situationen, in den sich die Arbeitszeitinteressen der Unternehmen und der Beschäftigten decken. Das gilt zum Beispiel für die Auftragsflauten im Sommer ("Sommerloch") oder nach Weihnachten, wenn auch die Beschäftigten gerne freie Tage haben. Für die Konfliktsituationen werden in Unternehmen mit Tarifbindung und Betriebsräten oft akzeptable Kompromisse ausgehandelt. Der traditionelle Kompromiss ist es, für die sogenannten "unsozialen Arbeitszeiten" (Nacht-, Wochenende oder Feiertagarbeit sowie Überstunden) Zuschläge zu bezahlen, Freiwillige zu suchen oder attraktiven Freizeitausgleich anzubieten. Wichtig sind auch Zuverlässigkeit und Planbarkeit. Unternehmen könne beispielsweise für Zeiten mit vielen Aufträgen vorsorglich Sonderschichten einplanen und sie ggfs. wieder absagen. Absagen ist deutlich besser als kurzfristig ansagen. Außerdem gibt es betriebliche Ampelsysteme. Beim Überschreiten einer bestimmten Höchstzahl von Überstunden müssen der Personalbedarf oder die Arbeitsorganisation überdacht werden. In einem Umfeld mit guten Kompromissen sind die Beschäftigten auch bereit, dem Unternehmen in unvorhergesehenen Situationen entgegenzukommen, vor allem wenn das Unternehmen auch auf ihre kurzfristen Zeitbedarfe positiv reagiert. Die Arbeitszeitforschung hat viele solcher guten Kompromisse zusammengestellt. Da sich die Interessen der Unternehmen und auch der Beschäftigten von Betrieb zu Betrieb unterscheiden, müssen sie dezentral ausgehandelt werden. Beschäftigte ohne den Schutz von Tarifverträgen und Betriebsräten sind allerdings in einer schlechten Situation. Die Unternehmen können oft ohne Gegenwehr ihre ungelösten Organisationsprobleme auf die Beschäftigten abwälzen. Ich kenne viele Beispiel von dauerhafter oder kurzfristig angekündigter Mehr- oder Wochenendarbeit, die teilweise sogar nicht bezahlt oder mit Zuschlägen vergütet werden. Besonders kritisch ist die Arbeit auf Abruf für Teilzeitbeschäftigte oder Minijobber mit kurzer vertraglicher Arbeitszeit, die jederzeit bis zur Vollzeitarbeit aufgestockt werden soll. Die Unternehmen wälzen dabei alle Risiken auf die Beschäftigten ab, ohne ihnen ein auskömmliches Gehalt zu garantieren. Die gesetzlichen Mindestpflichten des Teilzeit- und Befristungsgesetzes (Ankündigungsfrist von 4 Tagen, vertragliche Mindestarbeitszeit von 10 Stunden und tägliche Mindestarbeitszeit von mindestens drei Stunden) werden oft nicht eingehalten. Bei Minijobbern ist der "Zeitdiebstahl" sogar die Regel und nicht die Ausnahme, da meist Urlaub, Feiertage und Krankheit gesetzeswidrig nicht bezahlt werden. Einen guten Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Interessen von Beschäftigten und Unternehmen in der Gestaltung der Arbeitszeit kann man also nur mit starken Gewerkschaften und Betriebsräten finden. Leider haben viele Beschäftigte in den wachsenden gewerkschafts-, Betriebsrats- und tariffreien Zonen des Arbeitsmarktes nicht den Mut, sich zu organisieren. Das ist zum Teil zu verstehen, da die Risiken bei Gegenwehr entlassen zu werden, auch sehr hoch sind. Ein besserer gesetzlicher Schutz ist ein wichtiges Zukunftsthema. So konnte man die 40 Stunden-Woche oder Mindestzuschläge für "unsoziale" Arbeitszeiten im Arbeitszeitgesetz verankern.

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