Prof. Dr. Marion Weissenberger-Eibl: "Die künstliche Intelligenz kann und wird den Menschen nicht ersetzen"

Wo liegen im Vergleich von Großunternehmen und KMU die Unterschiede beim Einsatz und Umgang mit künstlicher Intelligenz (KI)?

In erster Linie haben große Unternehmen ein Mehr an Ressourcen, um das „Großprojekt“ KI anzugehen. Um KI einzuführen und zu nutzen, benötigt ein Unternehmen finanzielle Ressourcen, Zeit und Know-how. In dieser Hinsicht haben Großunternehmen einen deutlichen Vorteil – und auch Vorsprung. Auf der anderen Seite muss klar gesagt werden, dass kleine und mittlere Unternehmen (KMU) oft langfristig denken, eine starke Verantwortung gegenüber ihren Beschäftigten verspüren und Innovationsthemen zur Chefsache erklären. Dies ist aus meiner Sicht ein wichtiges Fundament für den erfolgreichen Einsatz von KI.

Häufig besetzen KMU eine Nische, sind vielleicht sogar ein „Hidden Champion“ und äußerst erfolgreich in dem, was sie tun. Dennoch stellt sich für einige Unternehmen die Frage: Warum in Neues investieren? Ganz einfach: Weil sie nur so auch zukunftsfähig bleiben. Die Welt verändert sich und Veränderung macht auch vor unseren erfolgreichen KMU nicht Halt. Glücklicherweise ist das vielen KMU bewusst. Wenn sie auch in Zukunft erfolgreich am Markt agieren wollen, sollten sie die Herausforderung KI beherzt angehen. Dazu gehört aus meiner Sicht, die notwendigen Ressourcen bereitzustellen und die strategische Entwicklung zur obersten Priorität zu machen.

Was sind mögliche Konsequenzen für die Arbeitsgestaltung durch den Einsatz von KI?

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir zukünftig mit Robotern und intelligenten Systemen zusammenarbeiten werden. Intelligente Maschinen bewegen sich frei und arbeiten mit den Menschen in gemeinsamen Umgebungen zusammen. Dabei sind sie nicht genau vorprogrammiert und führen keine stoisch wiederkehrenden Bewegungen aus. Roboter gehen den Menschen adaptiv zur Hand und lernen ständig dazu – beispielsweise, wenn die Arbeit gefährlich ist oder wenn Bewegungen im Mikromaßstab notwendig sind.

Die Maschine kann und wird den Menschen nicht ersetzen. Die Aufgaben verteilt weiterhin der Mensch. Das heißt: Nicht der Mensch richtet sich an Maschinen aus, sondern die Maschinen erleichtern dem Menschen die Arbeit.

Daher müssen wir die Mensch-Technik-Interaktion neu denken und gestalten. Dazu gehört auch, dass wir ein neues Verständnis von Arbeitsteilung und Rollenverteilung zwischen Mensch und Maschine erarbeiten. Denn klar ist: KI wird viele unserer Tätigkeitsbereiche verändern und sogar übernehmen. Die gewonnenen Freiräume können wir dann nutzen, um uns den schwer digitalisierbaren Aufgaben zu widmen. Die typisch menschlichen Tätigkeiten werden vorwiegend fachübergreifend sein – wie zum Beispiel Kontroll-, Entwicklungs- und Steuerungsaufgaben. Der Anteil kommunikativer und interaktiver Tätigkeiten ist weiterhin von größter Wichtigkeit. Wir brauchen die Kombination aus Hightech und Menschlichkeit. Daher werden psychosoziale Kompetenzen in der Arbeitswelt noch gefragter. Auch in Zukunft wird Fortschritt nur durch kreative Ideen ermöglicht.

Welche positiven Entwicklungen ergeben sich durch den Einsatz von KI?

Im Detail sollte es bei der Nutzung von KI aus meiner Sicht darum gehen, Lösungen für wirklich drängende Probleme zu liefern. Bisher werden unsere technologiegetriebenen Massenmärkte mit Unmengen an technischen Neuerungen überflutet – die aber häufig keine Lösungen bieten. Dreh- und Angelpunkt von Aktivitäten sollten daher gesellschaftliche Herausforderungen und Bedürfnisse von Kundinnen und Kunden sowie Nutzenden sein.

Durch die Kombination menschlicher und künstlicher Intelligenz können neue Prozesse, Produkte und Dienstleistungen oder ganz neue Geschäftsmodelle entstehen. Innovationen sind zentrale Quellen für wirtschaftliches Wachstum und gesellschaftlichen Wohlstand. Für unsere Zukunftsfähigkeit ist es daher essenziell, ein innovationsfreundliches Umfeld zu fördern und die Voraussetzungen für einen verantwortungsvollen Umgang mit KI zu schaffen. Wir werden KI dringend brauchen, um mit der zunehmenden Komplexität in unserer (Wirtschafts-)Welt klarzukommen. Letztlich misst sich die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit – und letzten Endes unser Wohlstand – daran, mit welchen Lösungen Unternehmen auf gesellschaftliche Herausforderungen reagieren können.