Prof. Dr. Lisa Herzog: "Arbeit stellt uns in soziale Zusammenhänge"

  • Welche besondere Funktion hat die Arbeit in der Gesellschaft?

    Lisa Herzog: Eine ganz banale Funktion von Arbeit ist, dass bestimmte Aufgaben erledigt werden müssen, um unsere Bedürfnisse zu decken. Menschen tun dies aber nicht alleine, sondern in arbeitsteiligen Strukturen. Und das bedeutet: Arbeit stellt uns in soziale Zusammenhänge – wir arbeiten nicht für uns alleine, sondern mit Anderen und für Andere. Wir lernen durch die Arbeit Menschen kennen, denen wir sonst vielleicht nie begegnet wären. Insofern erfüllt Arbeit auch eine wichtige Funktion für den sozialen Zusammenhalt. Leider wird dieser soziale Aspekt oft durch zu viel Druck, Konkurrenz, unfaire Bezahlung oder die Diskriminierung bestimmter Gruppen untergraben.

  • Was ist Ihre Vorstellung von einer optimalen Arbeitswelt der Zukunft?

    Lisa Herzog: Menschen können in Zukunft hoffentlich viel stärker mitgestalten, wie ihre Arbeit aussehen soll. Sie können sich dann, so sie das wollen, dafür einsetzen, dass ihre Arbeit gute Arbeit ist, dass z. B. jeder Einzelne seine Fähigkeiten entwickeln kann. Routineaufgaben, die für Menschen oft sehr belastend sind, werden an Roboter und Algorithmen abgegeben; idealerweise passiert das so, dass Ressourcen geschont werden und wir das Prinzip der Nachhaltigkeit auf allen Ebenen der Arbeitswelt umsetzen. Menschen dagegen erledigen menschliche Arbeit – die oft mit sozialen Beziehungen zu tun hat oder mit der Bewältigung unvorhersehbarer Herausforderungen, womit Algorithmen in der Regel überfordert sind. Diejenigen, deren Jobs sich verändern oder wegfallen, bekommen großzügige Angebote zu Umschulungen und Weiterbildungen. Es wird normaler und ist sozial akzeptiert, dass man sich im Laufe des Lebens öfter beruflich umorientiert. Und nicht zuletzt: die Arbeitszeit wird mit steigender Produktivität nach und nach für alle, nicht nur für einige wenige Privilegierte, reduziert.

  • Bei wem liegt die Verantwortung für die Transformation zu einer zukunftsfähigen und fairen Arbeitswelt?

    Lisa Herzog: Bei uns allen! Aber wer mehr Macht hat, hat auch mehr Verantwortung. Die Politik muss den gesetzlichen Rahmen anpassen und die Sozialversicherungssysteme so ausgestalten, dass auch Berufsbiographien mit mehr Veränderungen, als dies in der Vergangenheit vielleicht der Fall war, keinen Nachteil darstellen. Die Gewerkschaften spielen natürlich eine wichtige Rolle. Und wir alle müssen uns klar machen, dass angesichts der zu erwartenden Veränderungen Einzelkämpfertum nicht weiterführt, sondern wir uns gemeinsam dafür einsetzen müssen, die Arbeitswelt fair zu gestalten. In den letzten Jahrzehnten wurde der Aspekt des Wettbewerbs viel zu sehr in den Mittelpunkt gestellt, aber damit die digitale Transformation nicht rein zugunsten der Konzerne ausfällt, brauchen wir Solidarität.