Ein "Schnellboot" zur Erprobung einer neuen Arbeitskultur: die "netzwerkstatt" von GETEC net

Auf den ersten Blick ist die GETEC net GmbH ein typisches mittelständisches Unternehmen. Der Energiedienstleister mit Sitz in Hannover kümmert sich unter anderem um die Planung und den Betrieb von Energieversorgungsnetzen sowie die Entwicklung von Energiekonzepten. Die bisherige Arbeitsweise war klassisch: Projekte wurden anhand bestehender Prozesse und interner Strukturen umgesetzt. Viele Jahre fuhr das Unternehmen gut damit.

Doch auch im Energiesektor sorgen Digitalisierung und veränderte politische Rahmenbedingungen (etwa die "Energiewende") für Veränderungsdruck. Die Kundinnen und Kunden wollen und brauchen neue, digitale Lösungen. Für GETEC net heißt das, die Wertschöpfung durch "frische" Produkte zu erhöhen und schneller als bisher auf sich verändernde Rahmenbedingungen reagieren zu müssen – ohne dabei die bestehenden Stärken und Kompetenzen zu gefährden. Die Herausforderung liegt vor allem darin, die streng regulierten und klar strukturierten Prozesse im Energiebereich mit den Anforderungen des gesellschaftlichen Wandels sowohl auf Kunden- als auch auf Mitarbeitendenseite miteinander zu verbinden.

Um diese Aufgabe anzugehen, hat das Unternehmen unter anderem die sogenannte netzwerkstatt geschaffen. Anfang 2018 ins Leben gerufen, sollen hier neue Formen und Methoden der Zusammenarbeit ausprobiert und damit auch eine neue Führungskultur etabliert werden.

Frische Ideen in einer neuen Arbeitsumgebung

Das beginnt schon bei den Räumlichkeiten. Für die netzwerkstatt wurde ein ungenutztes großes Möbellager umgestaltet, mit anderen Materialien und Farben als im Rest des Unternehmens. Die Leitfrage war: Welche Umgebung braucht kreatives Arbeiten? So gibt es hier neben ruhigen Arbeitsbereichen und Räumen für Präsentationen und Kundenbesuche vor allem einen Kreativbereich mit Sofaecke, Küche, Stell- und Glaswänden zum Beschreiben. Die netzwerkstatt ist dabei keine eigene Abteilung, sondern ein frei zugänglicher kreativer Raum für alle Beschäftigten. Das soll den geeigneten Rahmen schaffen, um Methoden und Tools auszuprobieren, Zukunftsthemen für das Unternehmen zu identifizieren und neue Geschäftsideen zu entwickeln. So werden in der netzwerkstatt zum Beispiel Produktinnovationen in nichthierarchischen, eigenverantwortlichen Teams entworfen, und die Wirtschaftlichkeit wird anhand des Business Model Canvas durchgespielt und so ermittelt, ob sich die Weiterverfolgung des Themas für das Unternehmen lohnt. Damit fungiert die netzwerkstatt als eine Art "Schnellboot" neben dem "Tanker" GETEC mit den bekannten Arbeitsweisen und bestehenden Abteilungen.

Mitarbeitende für Projekte gewinnen

Die Mitarbeit in der netzwerkstatt steht jeder und jedem Beschäftigten offen. Derzeit ist es noch die Regel, dass der Bereich Geschäftsentwicklung die Themen aussucht, an denen kreativ gearbeitet werden soll. Diese werden über E-Mail und Blog kommuniziert sowie in sogenannten Brownbag-Meetings zur Mittagszeit (in Anspielung auf die braunen Lunchtüten aus den USA) vorgestellt, bei denen alle ihr eigenes Essen mitbringen. Wer an einem Projekt teilnehmen möchte, wirft am Ende seinen Namen in einen sogenannten "Feuerkelch". Dieser unkonventionelle, spielerische Ansatz soll dazu beitragen, Interesse zu wecken und die Motivation zu fördern. Für die Zukunft ist geplant, die Mitarbeitenden noch mehr bei der Ideenfindung einzubeziehen, indem auch sie Projektvorschläge einreichen können. Immerhin: Der Name netzwerkstatt ist bereits aus einem Ideenpool aller Beschäftigten entstanden.

Kreatives Arbeiten will gelernt sein

Doch Neugier und intrinsische Motivation allein reichen nicht aus, um die Mitarbeit in der netzwerkstatt zum Erfolg zu führen. Sich in agilen, dezentralen Arbeitsmethoden zu bewegen, ist für viele Beschäftigte zu Beginn eine Herausforderung. Es bedeutet nämlich, sich Aufgaben anzunehmen, die oft nicht strukturiert in einem Outlook-Kalender stehen, sowie sich mit ganz neuen Technologien beschäftigen zu müssen. So hat GETEC net die schmerzhafte Erfahrung gemacht, dass ein Projektteam zwar mit großem Elan gestartet ist, aber nie die Ziellinie erreicht hat, weil die Beteiligten auf dem Weg verloren gingen. Daraus will man lernen. Künftig sollen die Projekte mehr als bisher in einem größeren Kontext stehen, eine Geschichte erzählen und so den Mitarbeitenden den Sinn stärker erklären. Zudem sollen Arbeitspakete kleiner und überschaubarer werden und die Beteiligten durch regelmäßiges Nachfragen bei der Stange gehalten werden.

Auf dem Weg zu einer neuen Unternehmenskultur

Vor allem aber braucht das neue Arbeiten eines: die Unterstützung von oben. Dass es einst einen Beschluss der Geschäftsleitung gab, die netzwerkstatt aufzubauen, war dabei nur der Startpunkt. Im Arbeitsalltag sind es die Führungskräfte, die ihren Beschäftigten den Raum geben müssen, sich kreativ auszuprobieren und zu engagieren – je mehr, desto besser. Denn das von GETEC net ausgegebene Ziel lautet, die positiven Erfahrungen aus der netzwerkstatt Stück für Stück auch auf die anderen Abteilungen, beim "Tanker" GETEC, zu übertragen und Kolleginnen und Kollegen davon zu überzeugen. Auf diese Weise soll sich das gesamte Unternehmen weiterentwickeln: weg von der Linienorganisation hin zu einer produktorientierten Matrixorganisation, bei der neue Arbeitsweisen akzeptiert und verinnerlicht sind, die Beschäftigten stärker unternehmerisch denken und handeln und Führung durch Weisungsbefugnis nur noch eine Formalie ist. Und so zeigt sich auf den zweiten Blick, dass das mittelständische Unternehmen mit seiner netzwerkstatt einen innovativen Weg eingeschlagen hat, von dem heute noch keiner weiß, wohin es das Unternehmen führen wird. Nur, dass es anders aussehen wird als heute, das ist sicher.